Wie viel Verantwortung trägt Nick Sirianni?

Wie viel Verantwortung trägt Nick Sirianni?

, 12 min Lesezeit

Warum dieser Text

Wer unseren Podcast hört, weiß, wie groß mein Interesse an den Philadelphia Eagles und besonders an der Rolle von Nick Sirianni als Head Coach ist. Bei Trainern wie Sean McVay, Kyle Shanahan oder Sean Payton ist die Aufgabenteilung klar: Sie treffen sämtliche Personalentscheidungen, callen gleichzeitig ihre Plays und können neben ihrem Win-Loss-Record auch daran gemessen werden, wie gut „ihre“ Seite des Balles funktioniert.

Selbst wenn die andere Seite schwächelt, zeigen ihre Statistiken, welchen Impact sie persönlich haben.
Nick Sirianni gehört jedoch nicht zu dieser Art von Head Coach. Er ist vielmehr ein sogenannter „CEO-Headcoach“ - jemand, der alle Personalentscheidungen trifft, aber das Playcalling größtenteils seinen Coordinatoren überlässt.

Als Football-Fan stelle ich mir deshalb zwei Fragen:
Warum ist Nick Sirianni als Head Coach so besonders - und wie viel Verantwortung trägt er wirklich?

Siriannis Background und erste Saison als Head Coach

Von 2018 bis 2020 war Nick Sirianni Offensive Coordinator der Indianapolis Colts. Dort bewies er, dass er sich an unterschiedliche Quarterbacks anpassen kann:
2018 führte er mit Andrew Luck die #5 Scoring Offense an, 2019 mit Jacoby Brissett war er auf Platz #17, und 2020 mit Philip Rivers landete die Offense auf #9.

2021 erhielt Sirianni den Job als Head Coach der Philadelphia Eagles. Seine ersten Koordinatoren waren Shane Steichen (Offense, heute HC der Colts) und Jonathan Gannon (Defense, heute HC der Cardinals), mit denen er zuvor in Indianapolis gearbeitet hatte.

Anfangs plante Sirianni, selbst die Plays zu callen, während Steichen bestimmte Spielsituationen - etwa die 2-Minute-Offense - übernahm. Wann genau Sirianni das Playcalling vollständig abgab, ist unklar, doch nach dem misslungenen 2-5-Start der Saison 2021 dürfte er diese Aufgabe an Steichen übergeben haben.

In einem Interview erklärte er später, dass er sich stärker auf seine Rolle als Head Coach konzentrieren wolle. Ab diesem Moment wandelte sich Sirianni vom Playcalling-HC zum CEO-HC. Die Eagles beendeten die Saison mit 9-8 und verloren das Wildcard-Spiel klar mit 15-31 gegen die Buccaneers.

Breakout Season 2022 - und das Auseinanderbrechen des Coaching Staffs

2022 folgte die große Explosion: HC Sirianni, OC Steichen und DC Gannon führten die Eagles zu einer beeindruckenden Saison. Nach einem 13-1-Start war der #1 Seed der NFC gesichert. Die Eagles dominierten die Playoffs und verloren erst im legendären 38:35-Super Bowl gegen die Kansas City Chiefs.

Statistisch war 2022 ein Ausnahmejahr:

  • #3 in Points per Game
  • #2 in Yards per Game
  • #5 in total Rushing Yards
  • #9 in total Passing Yards

Jalen Hurts wurde Zweiter im MVP-Voting. Defensiv glänzte man mit der #1 Pass Defense, #8 Scoring Defense und unglaublichen 70 Sacks - der drittbeste Wert aller Zeiten.

Der Preis des Erfolgs: Beide Koordinatoren verließen das Team. Steichen wurde Head Coach der Colts, Gannon übernahm die Cardinals. Sirianni stand damit vor seiner nächsten großen Herausforderung - dem Neuaufbau seines Coaching Staffs.

Der Downfall 2023

Defensiv übernahm Sean Desai (zuvor bei den Seahawks), offensiv wurde Brian Johnson, der bisherige QB-Coach, zum OC befördert. Die Idee war klar: das bewährte System beibehalten.

Sirianni legte den strategischen Rahmen fest, während Johnson die konkreten Calls übernahm. Der Kader blieb nahezu unverändert, und der Saisonstart war vielversprechend: Nach 11-1 und einem Overtime-Sieg über die Bills sah alles nach Super-Bowl-Rückkehr aus - bis zur 42-19-Heimniederlage gegen die 49ers.

In dieser Partie ließ die Defense sechs Touchdowns in Folge zu. Danach gewann man nur noch ein Spiel (gegen die Giants) und schied in den Playoffs mit 9-32 gegen Tampa Bay aus. Die Defense stürzte auf Platz #30 (Scoring) und #31 (Passing) ab (Tabelle1). Im Vergleich zur 2022 einer der größten Downfalls die ich in meiner bisherigen Zeit als NFL Fan miterleben durfte.

Kategorie

2022

NFL-Rang 2022

2023

NFL-Rang 2023

Gegnerische Punkte pro Spiel

20,2 Punkte

8. Platz

25,2 Punkte

30. Platz

Zugelassene Pass-Yards pro Spiel

179,8 Yards

1. Platz

252,7 Yards

31. Platz


War die 2023er Eagles Offense Global gesehen schlecht? Keinesfalls! War ein klarer Unterschied zur 2022er Offense zu sehen? Zu 100%. Man verschlechterte sich nicht nur in jeder wichtigen Kategorie (sieh Tabelle 2), vielmehr fand man keine Antworten. Kaum Motion, wenig Variation, keine Antworten auf den Blitz - die Offense stagnierte.

Kategorie

Eagles Offense 2022

Eagles Offense 2023

Punkte pro Spiel

28,1 (Platz 3)

25,5 (Platz 7)

Yards pro Spiel (gesamt)

389,1 (Platz 2)

354,4 (Platz 7)

Rushing Yards pro Spiel

147,6 (Platz 5)

128,8 (Platz 10)

Passing Yards pro Spiel

256,7 (Platz 9)

225-230 (Platz 16)


Sirianni übernahm öffentlich die Verantwortung: Er sei stark in Meetings und im Gameplanning involviert gewesen und habe Brian Johnson enge Grenzen gesetzt. Folglich betrachtete er die 2023er Offense als „seine. Nach der Saison war klar: Es musste sich etwas ändern.

Sirianni auf dem Hot Seat

Laut The Athletic erwog Owner Jeff Lurie, Sirianni nach der Saison zu entlassen, entschied sich aber dagegen - da sich Sirianni selbstkritisch zeigte. Gemeinsam mit GM Howie Roseman stellte er ein neues Coaches-Staff zusammen.

Die Eagles blieben ein attraktives Ziel für Top-Koordinatoren: das Roster war stark besetzt, in der Spitze wie in der Breite. Am Ende verpflichtete man zwei Hochkaräter:

  • Kellen Moore als Offensive Coordinator
  • Vic Fangio als Defensive Coordinator

Zudem änderte man die offensive Philosophie radikal: Sirianni trat in den Hintergrund, Moore übernahm nahezu alle offensiven Entscheidungen. Der Anteil von Pre-Snap-Motion verdoppelte sich 2024 auf rund 65 % aller Plays. 

Siriannis neue Rolle

Sirianni beschrieb seine neue Rolle bildlich:

„Ich sitze in Kellen Moores Auto - er fährt, und ich sage nur ab und zu, wo man links oder rechts abbiegen soll.“

Er greift nur noch in Schlüsselmomenten ein - etwa bei Trickspielzügen oder tiefen Shots. In der 2024er Eagles Offense steckte so wenig Sirianni wie nie zuvor.

Das Resultat war beeindruckend:

  • #7 Scoring Offense
  • #2 Rushing Offense (über 3000 Yards, 29 TDs)
  • #12 Yards per Attempt, #8 Completion %, nur 6 INTs (#4)

Running Back Saquon Barkley wurde Offensive Player of the Year mit über 2000 Rushing Yards, während A.J. Brown erneut die 1000-Yard-Marke knackte. Diese Effizienz zeigte, wie gut Moore die Stars der Offense einsetzte.

Defensiv führte Vic Fangio die Einheit zur #2 Defense nach Points per Play und #1 nach Yards per Play - der Weg zum Super Bowl war geebnet. Der dominante Sieg über Mahomes und die Chiefs zählt zu den eindrucksvollsten der NFL-Geschichte.

Spiel den (fast) selben Song nochmal!

Wie schon 2023 führte auch die grandiose Saison 2024 zu unvermeidlichen Konsequenzen: Kellen Moore wurde neuer Head Coach der New Orleans Saints. Mit gerade einmal 36 Jahren ist er der jüngste NFL-Head-Coach der Liga.
Vic Fangio hingegen blieb den Eagles treu. Auf die Frage, ob er Interesse an einem eigenen Head-Coaching-Job habe, antwortete er trocken:

„No, I am happy to be here right now.“

Damit musste Sirianni lediglich die vakante Offensive-Coordinator-Position neu besetzen. Seine Entscheidung: eine erneute interne Beförderung. Der bisherige Pass Game Coordinator Kevin Patullo, seit 2021 im Staff, wurde zum neuen OC ernannt. Patullo hatte alle Phasen der Sirianni-Ära miterlebt - von den Erfolgen unter Steichen und Moore bis hin zu den Problemen mit Brian Johnson. Eigentlich schien diese Lösung logisch und nachvollziehbar.

Doch: Das hier ist die NFL - und Logik reicht selten aus.

Ein Déjà-vu in Philadelphia

Der Start in die Saison 2025 verlief zunächst vielversprechend. Nach einem 4-0-Beginn wirkte alles wie gewohnt stabil. Doch dann folgten zwei Niederlagen in Serie:
eine zu Hause gegen die Denver Broncos und eine gegen den Division-Rivalen New York Giants, den man in den vergangenen Jahren eigentlich dominiert hatte.

Plötzlich fühlte es sich an wie ein Rückfall in die späten Wochen der Saison 2023 - nur diesmal war es die Offense, die schwächelte. Die Zahlen sprechen für sich:

Kategorie

2025

2024

Rang

Rush Yards per Attempt

3,5

4,9

#29 → #5

Yards per Pass Attempt

5,7

6,5

#25 → #12

Yards per Play

4,7

5,6

#28 → #11


Auch Running Back Saquon Barkley konnte das Ruder bisher nicht herumreißen. Seine sogenannte Breakaway Percentage - also der Anteil explosiver Laufspiele - fiel von 44 % auf 21 %. Generell lief er bisher in keinem Spiel für über 100 Yards und sein Yards per Attempt Wert sank im Vergleich zu letzten Jahr von 5,7 auf 3,4 Yards. Auch WR A.J Brown war in den meisten Spielen kein Faktor und hatt in 4/6 Spielen weniger als 50 Yards, Besonders auffällig: In der zweiten Halbzeit wirkten die Eagles regelmäßig harmlos, fast ideenlos.

NFL-Analyst Warren Sharp brachte es auf X (ehemals Twitter) auf den Punkt:

Ursachenanalyse: Warum hakt die Offense?

Natürlich muss man differenzieren, wie diese Schwäche in der 2. Halbzeit zustande kam.
Einige Spiele - etwa gegen die Cowboys (mit Weather Delay) oder gegen die Chiefs (Clock-Management-Spiel) - verzerren das Bild etwas. Doch spätestens nach den letzten beiden Niederlagen war klar: Die Probleme liegen strukturell im Playcalling.

Die Eagles haben:

  • denselben Quarterback,
  • dieselben Skill-Player,
  • und spielten fast jedes Spiel größtenteils mit derselben Offensive Line.

Was sich verändert hat, ist das System. Die Motion-Rate ist dramatisch gesunken:
Philadelphia läuft aktuell liegt auf Platz 27 bei Motion Rate, eine Sache die sie unter Kellen Moore gemeistert hatten.

Dazu kommen:

  • die fünfthöchste Shotgun-Rate
  • und die drittniedrigste Play-Action-Rate der gesamten NFL.

Kurz gesagt: Die Offense wirkt wieder ausrechenbar und starr, ohne klaren Plan und Durchsetzungsfähigkeit.
Parallel dazu erlebt die Defense die berühmte „Regression zur Mitte“. Nach Points per Game steht sie nur noch auf Platz #19, nach Yards per Play auf #17.

Was macht Nick Sirianni jetzt?

Und hier kommen wir wieder zur entscheidenden Frage: Was tut Nick Sirianni in dieser Situation?

Eines fällt sofort auf - und das ist typisch für ihn:
Er sucht keine Schuldigen. Stattdessen stellt er sich schützend vor sein Team und sein Coaching Staff.
In einem Interview mit NBC sagte er:

„Im Football liegt es nie an einer Person. Mein Alltag besteht nicht darin, Schuldige zu finden, sondern Lösungen.“

Diese Haltung ist bewundernswert - aber auch riskant. Denn die Frage bleibt:
Was passiert, wenn Sirianni diese Lösungen nicht findet?
Was, wenn die Eagles erneut in der Wild Card sang- und klanglos ausscheiden - oder sogar die Playoffs verpassen?

Stimmen aus der Eagles-Community

Um das einzuschätzen, habe ich das Meinungsbild von den 2 größten Eagles Fans die ich kenne eingeholt:

Tim Jäger, Host des deutschen Podcasts Brotherly Talk, sagte mir:

„Nick Sirianni ist kein klassischer Headcoach-Playcaller, sondern ein CEO und Culture Builder - und das macht er hervorragend. Er war immer dann erfolgreich, wenn er mit starken Koordinatoren zusammenarbeitete, die von außen kamen - wie Steichen, Fangio oder Moore. Das interne Hiring von Patullo war aus unserer Sicht ein Fehler. Mit dem richtigen OC bleibt Sirianni aber der passende Head Coach für die Eagles.“

Der zweite Kommentar stammt von Reginald Seabreeze, geboren in Philadelphia und seit über 50 Jahren Eagles-Fan:

„Growing up as a Philadelphia Eagles fan, I’ve been spoiled by the success of Nick Sirianni. Not even the Andy Reid era felt this exciting. But I’m starting to question the staff’s decisions. If things don’t change, we could see major changes—not just to the roster, but to the coaching staff as well. This is Philly, and we’ve seen it happen before.“

This is Philly

Und genau das bringt es auf den Punkt: „This is Philly.“
Eine Stadt mit einzigartiger Sportkultur - leidenschaftlich, emotional, gnadenlos ehrlich.

Nicht einmal der großartige Andy Reid konnte hier einen Super Bowl gewinnen, obwohl er mit 140 Siegen in 14 Jahren der erfolgreichste Coach der Franchise-Geschichte war.
Er ging 2013 - und sechs Jahre später gewann Doug Pederson den ersten Super Bowl der Eagles. Doch auch Pederson musste irgendwann gehen.

Philadelphia ist nicht wie andere Städte. Hier wird kein Trainer nur wegen alter Erfolge verschont.
Und so steht auch Nick Sirianni im Jahr 2025 trotz beeindruckender Bilanz (Super-Bowl-Sieg, nie die Playoffs verpasst, 69 % Winning Percentage - Platz #1 unter aktiven Coaches, #5 All Time) unter permanentem Erfolgsdruck.

Denn in Philly gilt nur eines:
As long as you win, you stay.
Doch wenn das aufhört, bleibt auch Sirianni nicht unantastbar.

Philly ist nämlich anders, Philly ist special!


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